Was kaufen für Baby?

Er lebt ohne Papiere und hat gelegentlich in Restaurants den einen oder anderen Job als Spüler. Vier bis fünf Euro ist sein Stundenlohn und gelegentlich darf er übrig gebliebene Pizza mitnehmen.

In einer Kirchengemeinde geht er manchmal zum Gottesdienst. Ein Ehepaar hat ihn und andere Geflüchtete zu Weihnachten eingeladen. Nun hat er erfahren, daß seine Gastgeber ein Baby bekommen haben und möchte etwas schenken. Das ist schwierig für ihn. Mit Babys kennt er sich nicht aus, spricht nur wenig deutsch und ist einer der schüchternsten Menschen, die ich kenne.

Ganz stolz zeigt er eine Riesentüte. Alles für das Baby – und zwar in Großpackungen: Windeln, Babypuder, Creme, Babybad, verschiedene Sorten Brei… Dafür hat er mindestens zehn Stunden gearbeitet.

Wie er das gemacht hat? Er war im Drogeriemarkt und hat Leute angesprochen: „Bitte helfen. Was kaufen für Baby?“

Film: Yves‘ Versprechen

Vor einiger Zeit konnte ich im Kino den Film Yves‘ Versprechen sehen, der mich sehr beeindruckt hat:

Yves sitzt in Spanien fest. Es geht weder vorwärts noch rückwärts. Vor acht Jahren ist er in Kamerun aufgebrochen, um in Europa ein neues Leben zu beginnen. Seitdem hat die Familie nichts von ihm gehört. Die Filmemacherin Melanie Gärtner zeichnet Videobotschaften von Yves auf, reist damit nach Kamerun und trifft dort seine Familie. Bei all der Erleichterung über das Lebenszeichen von Yves werden Erwartungen laut, schließlich hat Yves es ins gelobte Europa geschafft. In den Augen seiner Familie kann nur er ihr Leben zum Besseren wenden. Er darf nicht scheitern, denn eine Rückkehr ist ausgeschlossen.

Einen kurzen Ausschnitt (1 1/2 Mimuten) kann man hier sehen:

Ein Nachgespräch mit der Frankfurter Regisseurin Melanie Gärtner (33 Minuten), in dem sie auf unterschiedliche Fragestellungen im Zusammenhang mit der Filmproduktion eingeht, ist hier zu sehen: 

 

Den Film (79 Minuten) kann man für sechzehn Euronen zum privaten Gebrauch hier bestellen. Die Orginalfassung ist in französischer Sprache mit deutschen Untertiteln.

Deutschland – Niemandsland

Hier ist er ein NIEMAND. NIEMAND ist in einem der zwanzig ärmsten Länder der Erde geboren. Armut und Korruption beherrschen das Leben in seinem Land. Keine Zukunftsperspektive. Die Großfamilie sammelt Geld und verschuldet sich. Er schafft es – wie auch immer – nach Europa, nach Deutschland.

Er will arbeiten. Die Familie hat große Erwartungen. Europa ist reich. Da wird es einer, der arbeiten will und kann doch schaffen. NIEMAND erhält kein Bleiberecht. Armut und Familienkonflikte, die er im Verfahren angibt, zählen nicht. 

So versucht er sich durchzuschlagen. Er lernt schnell die Landessprache, nimmt unterschiedliche Jobs auf Baustellen, Restaurants und im Sicherheitsgewerbe an – alle minimal bezahlt. 

NIEMAND lernt eine deutsche Frau kennen. Die beiden verlieben sich und wollen heiraten. Dafür braucht er Papiere. Einen Reisepaß hat er nicht mehr. Unterwegs verloren, weggeworfen oder Schleusern gegeben.

NIEMAND geht zur Botschaft seines Landes. Sie machen ihm deutlich, dass sie ihm nicht helfen werden. Ist er überhaupt Bürger ihres Landes? Dafür müßte er über seine Verwandten im Heimatland Belege beibringen. Das Procedere um diese Belege zu erhalten läuft über die Behörden seines Geburtslandes und die Botschaft.

Die Behörden des Heimatlandes senden die erforderlichen Dokumente nur, wenn durch die Botschaft anerkannt ist, daß er ein Bürger dieses Landes ist …

Seine Partnerin ist schwanger. Er lernt: Der Vater eines deutschen Kindes kann nicht abgeschoben werden – zumindest bis das Kind volljährig ist. 

Deutschland: Für ihn ein Niemandsland

Der Titel dieses Blogposts ist vom Wort desTages bei Frau Wildgans inspiriert.

Vor fünf Wochen …

…hat Joel aus Luxemburg die Montags-frage gestellt: „Was ist frustrierend am Bloggen?“ Ich habe – was dieses Blog betrifft – ausführlich hier darauf geantwortet. Mein Frust bezog sich darauf, daß es kaum jemand zu interessieren scheint, was ich in diesem Weblog über das Leben von Menschen am Rand der Gesellschaft erzähle.

Es gab Wochen (gelegentlich mehrere hintereinander) an denen es überhaupt keinen einzigen Zugriff auf dieses Blog gab. Inzwischen hat sich einiges getan. Durch die Verlinkung bei  Joel sind einige Menschen auf das Blog aufmerksam geworden, haben Links gesetzt oder es in ihrer Blogroll gelistet. Einige haben es per Feedreader oder per Mail abonniert. Vielen Dank für das Interesse.

In den ersten drei Maiwochen sind mehr Leser*innen hier gewesen als im ganzen Jahr 2020. Gerne weiter so. Ich bin gespannt und freue mich auch über Kommentare, Nachfragen oder welche Aspekte Euch besonders interessieren würden. 

Auf Weiterlesen!

Arbeiten mit falschen Papieren

Ob er mich was fragen dürfe. „Geht vielleicht um Kriminalität. Weiß nicht genau. Will nicht Kriminalität.“

Er kommt aus einem Land, das früher ein Teil der ehemaligen Sowjetunion war. Das Land gehört nicht zur Europäischen Union. Er hat einen guten Freund. Der Freund kommt aus einem Land, das früher auch Teil der ehemaligen Sowjetunion war. Ein anderes Land als seines. Es ist heute Teil der Europäischen Union. Deshalb hat sein Freund Zugang zum Sozialsystem, zur Krankenversicherung, zum Jobcenter. Der Freund wird eine Ausbildung finanziert bekommen, die ein Dreivierteljahr dauern wird. Vielleicht auch länger. In dieser Zeit würde ihm der Freund seine Papiere zur Verfügung stellen. UMSONST.

Ein großzügiges Angebot. In der afrikanischen Community ist es üblich, daß derjenige, der Papiere zur Verfügung stellt, ein Drittel des erarbeiteten Geldes bekommt (Beispiel hier).

Mit Papieren würde sein Stundenlohn auf der Baustelle drei Mal höher sein als jetzt ohne. Eine verlockende Aussicht. Er könnte mehr Geld nach Hause schicken. Nun will er von mir wissen, was passieren kann, wenn auf der Baustelle eine Kontrolle kommt und die falschen Papiere herauskommen.

Die Folgen könnten sein: Unter Umständen eine mehrjährige Gefängnisstrafe (Betrug), Rückflug in sein Heimatland und mehrjährige Einreisesperre. Ganz spontan aus dem Bauch sagt er: „Dann ich mache nicht“. Und so wird er vermutlich weiterhin für vier bis fünf Euro Stundenlohn auf Baustellen arbeiten. 

Fazit: Manchmal sind es nur ein paar Kilometer, die darüber entscheiden welche Zugänge man zu Ressourcen hat oder eben auch nicht. 

Zum Weiterlesen mehr Geschichten von der Baustelle:
Verbaut
Geiz und Gier
Kein Lohn – was tun?
Probearbeiten
Angst     
Outsourcing von Pannenfolgen      
Nachgerechnet  
Und irgendwie muss das erarbeitete Geld zuverlässig ins Heimatland kommen und das geht so.

gleich nebenan … (9)

… einen Klick weiter gibt es einen Artikel in der Nord-Ausgabe der taz über den Vorschlag, arme Menschen aus dem Hamburger Stadtteil Veddel bei der Coronaimpfung zu priorisieren:

Kürzlich hat jemand Corona mit Tuberkulose verglichen: eine Krankheit, die die Armen mit anderer Wucht trifft als die Reichen. Inzwischen ist der Befund auch wissenschaftlich belegt: Im Dezember und Januar lag die Covid-19-Sterblichkeit in stark benachteiligten Regionen um rund 50 bis 70 Prozent höher als in Regionen mit geringer Benachteiligung, so hat es das Robert-Koch-Institut festgestellt. Im Dezember vergangenen Jahres hat die Poliklinik auf der Hamburger Elbinsel Veddel zum ersten Mal gefordert, dass dort die Menschen bevorzugt geimpft werden müssten…

Zum ganzen Artikel Impfoffensive für Arme geht es  hier.

Montagsfrage: Was ist frustrierend am Bloggen?

Jeden Montag stellt Joel aus Luxemburg eine Frage. Früher nannte man das „Stöckchen“. Oft wurden einzelne MitbloggerINNEN benannt, an die das Stöckchen weitergegeben wurde. Bei Joel darf jede/r mitmachen und kann sich mit dem eigenen Beitrag am Ende seines Postings eintragen.

Was ist frustrierend am Bloggen?

Ich habe vor mehr als eineinhalb Jahrzehnten mit dem Bloggen begonnen. Ich schreibe nach wie vor gern meine Gedanken auf – immer auf Nischenblogs – mit guter Resonanz. Eines meiner Blogs war vor einigen Jahren für den Grimme Online Award nominiert.

Ich lese gern bei vielen unterschiedlichen Blogs mit, weil es mich bereichert, Einblicke in ganz unterschiedliche Lebens- und Erfahrungswelten zu bekommen (Kultur, Politik, Soziales, Medien, Familien, Feminismus, Ausland, Berufe, Medizin, Minderheiten, Religionen, Literatur, Städte …). Ein paar hundert werden es schon sein, denen ich per Feedreader folge.

Ich selbst habe mich vor einigen Jahren ganz bewußt dafür entschieden, meine gehobene Mittelschichtswelt zu verlassen und mit Menschen, die am Rand der Gesellschaft sind, kaum oder nicht wahrgenommen werden und durch die strukturelle Ungerechtigkeit in unserer Gesellschaft arm gemacht werden, zu leben und einiges von dem, was mir in ihren Erzählungen begegnet, auf diesem Blog zu teilen, also Menschen eine Stimme zu geben, die keine haben. Ich mache das als Privatperson, also nicht aus einer beruflichen Perspektive – habe langjährige Beziehungen zu den Menschen, von denen ich – anonymisiert – erzähle. Deswegen teilen sie mit mir einige ihrer Erfahrungen, die sie sonst nicht erzählen können oder wollen. Ich habe auch nicht den Anspruch, daß andere so leben wie ich das tue. Mir liegt jeder missionarische Habitus fern.

Manchmal kann ich über das Zuhören hinaus helfen, indem ich Kontakte herstelle zum Arztmobil für medizinische Hilfe, zur Rechtsberatung, zu einer Kleiderkammer, die keinen Bedürftigkeits-nachweis verlangt, zum Krankenhaus, wo eine anonyme Entbindung möglich ist … Auf dem Herd steht fast immer eine Suppe. Und jetzt in Coronazeiten klingeln öfter als vorher Menschen an der Tür, die Hunger haben und um etwas zu essen bitten.

Und nun die Antwort auf Herrn Joels Frage: Frustrierend ist, daß es kaum jemand interessiert, unter welchen Bedingungen arme Menschen am Rand der Gesellschaft leben. Vor 2 1/4 Jahren im Januar 2019 habe ich mit diesem Blog begonnen. Außer von meinen persönlichen FreundINNen, Bekannten und Unterstützenden gibt es gerade mal fünf Leute, die es abonniert haben und knapp 2100 Seitenaufrufe. Es ist auf einer einzigen Blogroll gelistet – auch ein Zeichen für mich, daß Bloggen eine Mittelschichtsangelegenheit ist, was keine Kritik, sondern eine Feststellung ist. Arme Menschen – besonders in Zeiten der Pandemie – haben erschwert Zugang zum Internet. Die Tagesaufenthalte, die Internet anbieten sind meist geschlossen und die Internetplätze in Bibliotheken – soweit sie für die Ausleihe geöffnet sind – gesperrt.

Ja, ich weiß wie man ein Blog bekannt macht. Ich habe das – wie oben beschrieben – mit mehrerein Nischenblogs, die eine gute Resonanz haben, durch. Deshalb: Bitte erspart mir in den Kommentaren entsprechende Hinweise.

Was andere zu Joels Frage schreiben, kann man hier nachlesen. Es gibt in seinem Blog auch eine Suchmaske, durch die andere Montagsfragen und die Reaktionen darauf aufgerufen werden können.

Verbaut …

… ist der Titel eines Krimis aus der Serie  „Letzte Spur Berlin“ und zeigt, wie es so läuft mit der Schwarzarbeit auf dem Bau: Wie Menschen mit großen Hoffnungen nach einem besseren Leben, nach guten Arbeitsmöglichkeiten nach Berlin kommen, wie sie ausgenutzt und ausgebeutet werden, welche Rolle Subunternehmer spielen und unter welchen äußeren Bedingungen sie leben. Sehenswert.