Ausbeutung in der Coronazeit

Für Menschen ohne Arbeitspapiere und gesicherten Aufenthaltsstatus ist es in der Coronazeit noch schwieriger geworden.

Einer erzählt, daß er regelmäßig – mehrmals monatlich – mit einem Kumpel Umzüge gemacht hat. Die Aufträge hat er von einem Subunternehmer bekommen. Es waren immer Umzüge von Mietshäusern, in denen es keine Aufzüge gibt. Jetzt ist die Auftragslage im Umzugs-gewerbe so, daß auch Unternehmen, die sonst solche Umzüge ablehnen, diese Aufträge annehmen. Er hat schon lange keine Umzüge gemacht.

Ein anderer erzählt, daß er – mit anderen zusammen – in einem bürgerlichen Viertel einen speziellen Renovierungsauftrag hat. In einem Einfamilienhaus soll ein Teil einer Wohnküche abgetrennt werden und zu einem Yogaraum für das behinderte Kind umgebaut werden. Die Arbeit ist sehr lärmintensiv und das Kind sehr lärmempfindlich. So wird es für einige Stunden am Tag zu in der Nachbarschaft wohnenden Verwandten gebracht.

Alles muß sich nach dem Kind richten. Wenn es – stundenlang – mit den Hunden spielen will, dann wird es erst zu den Verwandten gebracht, wenn es mit Spielen fertig ist. Die Arbeiter müssen in dieser Zeit warten und werden vor einem Fernseher geparkt. Bezahlt wird nur die Arbeitszeit – etwa zwei Drittel vom Mindestlohn. Höchstens drei Stunden am Tag arbeiten sie. Die Fahrtkosten muß er davon noch tragen.

Seit 30 Jahren im Lockdown

Sie ist Mitte 50 – seit dreißig Jahren chronisch krank. Sie lebt von Sozialhilfe bzw. heute von Hartz IV, ist – soweit ihre Krankheit es zuläßt – aktiv auch immer wieder ehrenamtlich und erfreut viele Menschen mit ihren kreativen Fähigkeiten. Sie spielt zwei Instrumente und ist eine begnadete Erzählerin, erschafft Bilder in den Köpfen derer, die ihr zuhören. Gelegentlich war dann und wann zeitlich befristet ein Ein-Euro-Job drin.

„Weißt Du“ sagt sie „ich verstehe die meisten Menschen nicht, die über den Lockdown jammern, weil sie nicht ins Kino, in Kneipen, ins Konzert, ins Restaurant, ins Theater oder ins Café gehen können. Ich bin seit 30 Jahren im Lockdown – ich meine in kultureller Hinsicht. Das konnte ich mir alles nur ganz selten leisten oder da, wo es umsonst war. Bei denen, deren materielle Existenz bedroht ist, weil sie im Kulturbereich arbeiten oder ansonsten ihre Arbeit verlieren, da verstehe ich es. Aber alles andere ist Jammern auf hohem Niveau.“

xxx

Corona kostet …

– für den einen mehr für den anderen weniger

Immer am Anfang des Jahres fährt er ins östliche Nachbarland – nicht sein Heimatland – um sich dort bei einer Agentur wieder ein Visum zu holen, das ihm für ein Jahr den Aufenthalt erlaubt, wie gesagt nur den Aufenthalt ohne Arbeitsgenehmigung. Er fährt in die Hauptstadt, bleibt ungefähr eine Woche in einer preisgünstigen Jugendherberge und bezahlt der Agentur für ihre Bemühungen etwa ein Viertel von dem, was das Visum kosten würde, wenn er es in seinem Heimatland beantragen würde.

Weil die Situation durch Corona so unüberschaubar ist und niemand weiß, was beim Jahreswechsel los sein wird, was man darf oder nicht darf, hat er beschlossen, auf die Zeitspanne, die sein Visum noch gilt, „zu verzichten“ und schon früher ins Nachbarland zu fahren. Weil derzeit kaum jemand ein Visum will, arbeitet die Agentur schneller als sonst und gibt ihm auch noch einen Corona-Rabatt von fünfzig Euro.

Im Nachbarland muß er für fünf Tage in Quarantäne in ein Hotel, wofür pro Tag 36 Euro verlangt werden. Für Corona-Tests ist er mit 360 Euro dabei… Es summiert sich. So bezahlt er insgesamt doppelt soviel wie in den Vorjahren, dennoch weniger als wenn er in sein Heimatland gefahren wäre, in das er gegenwärtig gar nicht käme – und das bei einem Stundenlohn von meistens fünf Euro. 

Auf die Frage, wie er die Zeit in der Quarantäne verbracht habe, sagt er: Geschlafen – fast nur geschlafen. Drei Mal am Tag kam eine Krankenschwester zum Fiebermessen und hat Symptome abgefragt.

Und raus bist du: Fehler im System Krankenversicherung

Er sah immer schlechter aus über Wochen und Monate. Er war dauernd müde und schlapp und wurde immer dünner. Freunde und Bekannte waren besorgt und bedrängten ihn, endlich zum Arzt zu gehen. Er traute sich nicht, denn schon viele Jahre hatte er keine Krankenversicherung mehr. Als Künstler war er irgendwann ausgestiegen als das noch ging – also vor 2009 – weil er sich die Beiträge nicht mehr leisten konnte und zwar bei einer der großen gesetzlichen Krankenkassen. Die Beiträge für Freiberufler werden nämlich nicht wie bei Angestellten von der tatsächlichen Einkommenshöhe bemessen. Immer wieder hatte er sich anonym bei seiner ehemaligen Krankenkasse erkundigt, unter welchen Bedingungen er zurückkehren könnte. Er hätte die Beiträge von fünf Jahren nachzahlen müssen. Das hätte sich auf etwa 35 000 Euronen summiert.

Irgendwann ging er dann doch zum Arzt und ins Krankenhaus. Diagnose und Operationen. Allerdings hatte der Krebs schon gestreut und andere Organe angegriffen. Die Clearingstelle wurde eingeschaltet um ihn wieder ins System zurückzubringen. Jetzt ist er wieder im System, und solange er noch lebt, zahlt er 50 Euro Monatsbeitrag von seiner kleinen Rente. Die hätte er sich auch schon früher leisten können. Nächste Woche beginnt die Suche nach einem Platz im Hospiz für die letzte Lebensphase.

Apotheken-Glück

Er braucht regelmäßig Medikamente, damit er mit der einen verbliebenen Niere leben kann. Die bekommt er vom Medizinmobil oder einer anderen Stelle, die Menschen ohne Krankenschein behandelt – sofern vorhanden oder muß sie über Privatrezept selber besorgen. Es läuft dann auf 120 Euro im Monat raus – und das bei einem Stundenlohn auf der Baustelle von fünf Euro manchmal auch weniger. Nun hat er ein Medikament bekommen, das er spritzen soll. Aber Spritzen hatten sie nicht mehr. Die würde er in einer Apotheke bekommen. Ein Freund rät ihm, das Medikament in die Apotheke mitzunehmen.

Die freundliche Apothekerin schaut sich das Medikament an, läßt sich das Woher und Wofür erzählen. Und er erzählt von seiner Situation, daß er illegalisiert hier lebt, das Studium des Sohnes zuhause mit der Arbeit hier finanziert, die eine Niere im Krieg verloren hat und in seinem armen Land keine medizinische Versorgung dafür bekommen würde.

Die Apothekerin erklärt ihm, daß die Nebenwirkungen des Medikaments, das er bekommen hat, ziemlich schwer sein können und geht in die Details. Sie hat ein alternatives Medikament. Und gibt es ihm umsonst. Er ist fassungslos und glücklich: „Hat mir auch noch gezeigt, wie ich muss spritzen“. Er kommt mit dem geschenkten Medikament prima zurecht.

Böse Überraschung: Corona und Friseur

Vor ein paar Jahren hat er den Tipp bekommen: Ein Berufsbildungswerk bildet vorwiegend migrantische Jugendliche ohne Schulabschluß aus. Auch Geflüchtete deren Berufsabschlüsse nicht anerkannt werden, können hier als Quereinsteiger zu einem Abschluß kommen. Für die Modelle (Kunden) kostet es weniger als ein Viertel von dem, was normalerweise berechnet wird. In einer ehemaligen Fabriketage gibt es auch einen Ausbildungssalon.

Ein Freund, der kurz nach Beginn der Lockerungen da war, hatte erzählt, daß „alles o.k. ist mit Masken und der Hygiene“. Doch inzwischen hat sich einiges geändert: Die Kunden und Kundinnen tragen Maske. Von den Angestellten und Auszubildenen tragen gerade ein Drittel der Anwesenden eine Maske – also: Zwei Drittel tragen keine Maske – auch der Chef nicht. Aber welche Wahl hat man, wenn das Geld knapp ist?

Danke Heinrich

Langsam spricht es sich herum: Heinrich ist gestorben und inzwischen beerdigt. Viele Jahre hat er im Mittwochscafe von Sankt Marien-Liebfrauen armen Menschen geholfen. Für viele illegalisierte Menschen ohne Krankenversicherung war er der einzige, an den sie sich mit gesundheitlichen Problemen wenden konnten. Als Krankenpfleger hat er viele Jahre in einem antroposophischen Krankenhaus gearbeitet und hat vielen durch sein Wissen über Basismedizin weiterhelfen können. Mehr über Heinrich erfährt man hier.

Maske gut

Nach längerer Zeit sehe ich ihn wieder und erkenne ihn erst als er mich anspricht an der Stimme. Er trägt eine Maske. Als ich sage, daß mir seine Gesichtsmaske das Wiedererkennen schwer gemacht hat, antwortet er: „Maske gut – Menschen mehr Respekt mit mir“. Er lebt ohne Papiere und ohne Versicherungschutz, ist angewiesen auf die Stellen, wo er ohne Krankenschein behandelt wird. Bei den Zahnbehandlungen kann nur das Nötigste durchgeführt werden.