Handel mit der Wartenummer

Viele Weisse können schwarze Menschen nicht gut unterscheiden. Das nützt EINER aus einem schwarzafrikanischen Land. Seine Unterkunft befindet sich ganz in der Nachbarschaft einer Beratungs-stelle, bei der Menschen, die keinen Aufenthaltsstatus haben und oft auch von Abschiebung bedroht sind ehrenamtlich von Juristen im Ruhestand beraten werden.

Es werden Wartenummern ausgegeben. Täglich sind mehr als sechzig Ratsuchende im Wartebereich. Klar ist, daß nie alle dran kommen. Viele kommen von weit her schon ganz früh und hoffen, daß es klappt mit der Beratung. ER kommt mehrmals wöchentlich, zieht eine Wartenummer und verkauft sie.

 

Kieztour: SOS! Fluchtwege zwischen Seenotrettung und Kirchenasyl

Ein Veranstaltungshinweis für alle, die in Berlin wohnen oder Mitte August in Berlin sind:

Die Stadtspaziergänge durch das soziale Berlin „Kieztouren mit Herz“ gibt es seit 2016. Sie werden auch 2021 fortgesetzt. Sie beleuchten ganz unterschiedliche Lebenswirklichkeiten.

Berliner Kieztouren mit Herz

Samstag, 14.08.2021: Kieztour zum Thema
SOS! Fluchtwege zwischen Seenotrettung und Kirchenasyl

„Nichts an der Flucht ist flüchtig. Sie stülpt sich über das Leben und gibt es nie wieder frei“ (I. Trojanow).

 

Geflüchtete riskieren ihr Leben für Deutschland. Und stellen dort fest: Die Flucht endet nicht hinter der Grenze. Sie verfolgt sie weiter, etwa durch Kriminalisierung, Nicht-Zuständigkeit und Abschiebung. Für manche ist das Kirchenasyl die letzte Rettung. In dieser Kieztour begegnen wir Menschen, die viel hinter und vor sich haben – und solchen, die sie unterstützen.

Kosten: 5 €; Treffpunkt wird bei Anmeldung bekannt gegeben
Zeit: 11.00 h – 13.00 h

Anmeldung nur über das Online-Formular am Ende dieser Seite.

Gleich nebenan … (12)

… einen Klick weiter in der taz vom Wochenende findet sich ein Interview mit einer Kreuzberger Pfarrerin, die sich seit Jahren in der Flüchtlingshilfe auf der Insel Lesbos vor Ort engagiert und sich in den vorzeitigen Ruhestand versetzen hat lassen um sich dort noch mehr engagieren zu können:

Im vergangenen Sommer war das Thema der Flüchtlinge aus Lesbos hier in Berlin sehr präsent, als das Lager Moria brannte. Ich selbst habe mehrfach für die Aufnahme von Lesbos-Flüchtlingen nach Berlin demonstriert. Jetzt ist das Thema in Vergessenheit geraten. Zurecht?

Die Luft ist ja raus, weil die Bundes-regierung nicht dazu zu bewegen war, eine größere Zahl Flüchtlinge von den griechischen Inseln aufzunehmen. Sie verweigerte ja selbst die Aufnahme durch die vielen willigen Kommunen, was skandalös ist. Das Problem regelt sich gerade anders: Griechenland hat in den letzten Monaten viele Asylfälle auf Lesbos positiv entschieden. Die Mehrheit dieser Menschen landet dann obdachlos auf dem griechischen Festland. Aber einige kommen auch, völlig legal, nach Deutsch-land und beantragen hier erneut Asyl. Im Moment werden sie nicht nach Griechenland zurückgeschoben.

 

Ich meinte etwas anderes: Der Protest richtete sich gegen die miserablen Lebensbedingungen auf Lesbos. Haben die sich verbessert?

Nein. Derzeit leben rund 5.000 Menschen in dem Lager Moria 2 unter miserabel-sten Bedingungen. Sie müssen in großen Zelten hausen, ohne jede Privatsphäre. Jetzt im Sommer gibt es keinen Schatten und im Winter keinen Schutz vor Kälte und Regen. Die Zelte haben keinen Fußboden. Die sanitären Bedingungen sind furchtbar. Die Menschen erhalten eine Mahlzeit pro Tag. Jede/r vierte BewohnerIn dort ist ein Kind. Es gibt auch zahlreiche Menschen mit Behin-derung. Die Flüchtlinge können die Insel nicht verlassen. Sie kommen überhaupt nicht auf die Fähren. Die Perspektiv-losigkeit zermürbt sie.

Das ganze Interview ist hier.

Taufe – anders als ersehnt

Hier hat er unterschiedliche religiöse Traditionen und  Aktivitäten kennengelernt. Er interessiert sich für Philosophie, Spiritualität und Religion. Das führt ihn zu einem Glaubenskurs in einer katholischen Gemeinde. Über ein Jahr geht er jede Woche zu den Treffen. Sein Interesse ist so groß, daß er einen Ordensangehörigen findet, der jede Woche mit ihm die Themen vertieft. Zwei bis drei Stunden sitzen sie beisammen. Wie er das schafft neben seinen beruflichen Aktivitäten, mit denen er die Familie in der Heimat unterstützt? Jeden Tag sammelt er viele Stunden Pfandflaschen. Nur sonntags nicht. Der Sonntag muß frei bleiben.

Am Ende des Kurses hat er den Wunsch getauft zu werden: Katholisch. Die katholische Kirche mit ihren Ritualen spricht ihn mehr an. Aber er findet keinen Priester, der ihn, der ohne Papiere ist, taufen würde.

Durch einen Freund kommt er in Kontakt mit einem evangelischen Pfarrer. Der erkennt den katholischen Glaubenskurs als Tauf-vorbereitung an und tauft ihn, auch ohne Papiere, was ihn freut. Er wird in den folgenden Jahren regelmäßig die Gottesdienste dieses Pfarrers besuchen. Aber der Stachel bleibt: Daß er nicht so frei war in der Wahl wie jeder andere.

Gleich nebenan … (11)

… einen Klick weiter findet man die Geschichte von der jeder träumt, der sich aus einem armen Land auf den Weg nach Europa macht: Der Traum von Erfolg, sozialem Aufstieg und der Möglichkeit die in der Heimat lebenden Verwandten zu unterstützen.

Als 14jähriger kam Van Tuyen Pham als unbegleiteter Jugendlicher aus Vietnam nach Deutschland. Letzte Woche hat er in zentraler Lage in Berlin sein sechstes Restaurant eröffnet. Er konnte seinem Vater ein Haus bauen und unterstützt mehrere Sozialprojekte in Vietnam:

Es sind die von den Auswanderern finanzierten Häuser, die bis heute junge Zentralvietnamesen motivieren, sich auf den gefährlichen Weg nach Europa zu machen. Polizei und einzelne Medien behaupten oft, sie kämen, weil ihnen Schlepperorganisationen falsche Versprechungen machen würden. Aber für Pham war die Schlepperbande nur ein Mittel zum Zweck, ohne sie wäre er nicht in die hochge-rüstete Festung Europa gekommen. Und Versprechen von Schlepperbanden würden in Zentralvietnam nicht ver-fangen, gäbe es die von Auswanderern finanzierten schicken Häuser nicht. Dass nicht jeder Zentralvietnamese so eine Erfolgsgeschichte wie Van Tuyem Pham schreibt, dass andere von Schlepperbanden oder hier lebenden Landsleuten ausgebeutet werden, dass Frauen ihre Schlepperkosten sogar in der Prostitution abzahlen müssen, ist allerdings etwas, was man Angehörigen in Vietnam gern verschweigt…

Der ganze Artikel aus dem Berlin-Teil der taz ist hier zu finden.

Wer mehr über die Lebenswelt der Vietnamesen in Deutschland  wissen möchte, dem sei der Roman  die neuen Leiden des Mädchens Kieu von Stephan Täubner empfohlen.

Danke Gott und Rote Kreuz

Regelmäßig bekommt er bei den Maltesern die Medikamente, die er für seine eine Niere, die er noch hat, benötigt. In der letzten Zeit hat er immer wieder starke Nierenschmerzen. Untersuchungen haben gezeigt, daß er mehrere Nierensteine hat. Das kennt er seit vielen Jahren. 

Für diese Behandlung haben die Malteser keine Möglichkeiten und ihm geholfen mit ihren Kontakten zum Roten Kreuz. Dort gibt es in Kürze einen Platz für ihn, und die Nierensteine werden mit Laser zertrümmert. Als er das erzählt, endet er mit den Worten: Danke Gott und Rote Kreuz.

Zum Weiterlesen:
Apotheken-Glück
Malteser Medizin für Menschen ohne Krankenversicherung
Arztmobil der Caritas

Posen in der Autowaschstraße

Die Mail an ihn kommt zurück. Früher hatte er einen Face.book-Account. Vielleicht ist er da noch aktiv? Ich bin irritiert. Ein Foto zeigt ihn in Besitzerpose vor einem Luxusauto. Auf den ersten Blick.

Der Hintergrund des Fotos verschwimmt. Ich schaue genauer hin. Das Auto befindet sich in einer Autowaschstraße. Auf den zweiten Blick.

Darunter viele Kommentare von afrikanischen Landsleuten, die ihm zu seinem Erfolg im weit entfernten Europa gratulieren.

Was kaufen für Baby?

Er lebt ohne Papiere und hat gelegentlich in Restaurants den einen oder anderen Job als Spüler. Vier bis fünf Euro ist sein Stundenlohn und gelegentlich darf er übrig gebliebene Pizza mitnehmen.

In einer Kirchengemeinde geht er manchmal zum Gottesdienst. Ein Ehepaar hat ihn und andere Geflüchtete zu Weihnachten eingeladen. Nun hat er erfahren, daß seine Gastgeber ein Baby bekommen haben und möchte etwas schenken. Das ist schwierig für ihn. Mit Babys kennt er sich nicht aus, spricht nur wenig deutsch und ist einer der schüchternsten Menschen, die ich kenne.

Ganz stolz zeigt er eine Riesentüte. Alles für das Baby – und zwar in Großpackungen: Windeln, Babypuder, Creme, Babybad, verschiedene Sorten Brei… Dafür hat er mindestens zehn Stunden gearbeitet.

Wie er das gemacht hat? Er war im Drogeriemarkt und hat Leute angesprochen: „Bitte helfen. Was kaufen für Baby?“

Film: Yves‘ Versprechen

Vor einiger Zeit konnte ich im Kino den Film Yves‘ Versprechen sehen, der mich sehr beeindruckt hat:

Yves sitzt in Spanien fest. Es geht weder vorwärts noch rückwärts. Vor acht Jahren ist er in Kamerun aufgebrochen, um in Europa ein neues Leben zu beginnen. Seitdem hat die Familie nichts von ihm gehört. Die Filmemacherin Melanie Gärtner zeichnet Videobotschaften von Yves auf, reist damit nach Kamerun und trifft dort seine Familie. Bei all der Erleichterung über das Lebenszeichen von Yves werden Erwartungen laut, schließlich hat Yves es ins gelobte Europa geschafft. In den Augen seiner Familie kann nur er ihr Leben zum Besseren wenden. Er darf nicht scheitern, denn eine Rückkehr ist ausgeschlossen.

Einen kurzen Ausschnitt (1 1/2 Mimuten) kann man hier sehen:

Ein Nachgespräch mit der Frankfurter Regisseurin Melanie Gärtner (33 Minuten), in dem sie auf unterschiedliche Fragestellungen im Zusammenhang mit der Filmproduktion eingeht, ist hier zu sehen: 

 

Den Film (79 Minuten) kann man für sechzehn Euronen zum privaten Gebrauch hier bestellen. Die Orginalfassung ist in französischer Sprache mit deutschen Untertiteln.

Deutschland – Niemandsland

Hier ist er ein NIEMAND. NIEMAND ist in einem der zwanzig ärmsten Länder der Erde geboren. Armut und Korruption beherrschen das Leben in seinem Land. Keine Zukunftsperspektive. Die Großfamilie sammelt Geld und verschuldet sich. Er schafft es – wie auch immer – nach Europa, nach Deutschland.

Er will arbeiten. Die Familie hat große Erwartungen. Europa ist reich. Da wird es einer, der arbeiten will und kann doch schaffen. NIEMAND erhält kein Bleiberecht. Armut und Familienkonflikte, die er im Verfahren angibt, zählen nicht. 

So versucht er sich durchzuschlagen. Er lernt schnell die Landessprache, nimmt unterschiedliche Jobs auf Baustellen, Restaurants und im Sicherheitsgewerbe an – alle minimal bezahlt. 

NIEMAND lernt eine deutsche Frau kennen. Die beiden verlieben sich und wollen heiraten. Dafür braucht er Papiere. Einen Reisepaß hat er nicht mehr. Unterwegs verloren, weggeworfen oder Schleusern gegeben.

NIEMAND geht zur Botschaft seines Landes. Sie machen ihm deutlich, dass sie ihm nicht helfen werden. Ist er überhaupt Bürger ihres Landes? Dafür müßte er über seine Verwandten im Heimatland Belege beibringen. Das Procedere um diese Belege zu erhalten läuft über die Behörden seines Geburtslandes und die Botschaft.

Die Behörden des Heimatlandes senden die erforderlichen Dokumente nur, wenn durch die Botschaft anerkannt ist, daß er ein Bürger dieses Landes ist …

Seine Partnerin ist schwanger. Er lernt: Der Vater eines deutschen Kindes kann nicht abgeschoben werden – zumindest bis das Kind volljährig ist. 

Deutschland: Für ihn ein Niemandsland

Der Titel dieses Blogposts ist vom Wort desTages bei Frau Wildgans inspiriert.