Gleich nebenan (2)

… gleich einen Klick weiter erzählt Frau Modeste von einer Begegnung mit einem Mädchen auf der Warschauer Brücke und zwar hier

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absolut unerwartet

Für einen Tag sollte er auf einer Baustelle arbeiten. Er konnte mit der Arbeit nicht beginnen, weil die benötigten Materialien nicht da waren. Würden sie heute kommen oder nicht? Niemand wußte es. Er wartete einige Stunden und mußte dann unverrichteter Dinge gehen. Am nächsten Tag ließ ihm der Chef durch einen Freund vierzig Euro zukommen.

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Geiz und Gier

Die Wände sollten sie abspachteln. Dafür gibt es ein Verfahren, bei dem heißes Wasser verwendet wird und die Arbeit schneller fertig ist. Der Hausbesitzer hat das heiße Wasser abgedreht. Wie lange sie gearbeitet haben? Mehr als zwölf Stunden auf jeden Fall. Vielleicht sogar vierzehn. So genau wissen sie das nicht mehr. Was der Lohn war? Das können sie genau sagen. Jeder hat fünfzig Euro bekommen.

 

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Nicht nur zur Vorweihnachtszeit …

Ein Beitrag im Landlebenblog über Kommerz, Überfluß und Dekadenz hat  einige Erinnerungen hochgespült: Ziemlich genau vor drei Jahre lernte ich ihn kennen über die Schlafplatzorga. Für ein paar Nächte kam er. In den folgenden zwei Jahren führten wir mehrere Gespräche jede Woche.

Aus einem afrikanischen Land war er gekommen. Wie so viele mit einer Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Armut, Perspektivlosigkeit und die Erfahrung von Korruption sind nicht ausreichend um hier eine Aufenthaltserlaubnis zu bekommen. In einem atemberaubenden Tempo lernte er deutsch. Er nahm jede Arbeit an: Ob auf dem Bau, in der Gastronomie oder im Sicherheitsgewerbe. Nur keinen Ladendieb erwischen müssen. Denn dann wird die Polizei gerufen und er wird befragt.

Eines Tages ist er in einer Livree unterwegs. Job in einem Luxushotel? Nein – im großen Kaufhaus mit den 60 000 Quadratmetern Verkaufsfläche war er als Türsteher für das Vorweihnachtsgeschäft engagiert worden über eine Zeitarbeitsfirma. 10-Stunden-Schichten waren die Regel mit einer kurzen Pause. Vom niedrigen Lohn mußte er ein Drittel an den abgeben, unter dessen Namen und mit dessen Papieren er arbeitete.

 

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Spurlos verschwunden

Drei Tage wußte niemand, wo er abgeblieben war. Von einer neuen Arbeit war die Rede gewesen. Er tauchte nicht mehr auf in seiner Unterkunft. Kein Anruf. Nichts. Banges Warten. Ein Unfall? Überfall? Am vierten Tag tauchte er so plötzlich auf, wie er verschwunden war. Am vereinbarten Treffpunkt wurde er in ein Auto verladen. Dass er drei Tage kreuz und quer in Deutschland unterwegs sein würde ohne Möglichkeit in ein Internetcafe zu gehen, das hatte ihm niemand gesagt. Schwere körperliche Arbeit, gehetzt werden, nichts war schnell genug. Und dann nur die Arbeitsstunden an sich: Sieben Euro pro Stunde unterm Strich.